Vorsicht beim kostenlosen Handy vom Arbeitgeber

Vorsicht beim kostenlosen Handy vom Arbeitgeber

Vorsicht beim kostenlosen Handy vom Arbeitgeber

  • Gewerkschaft kritisiert angeblich kostenlose Angebote
  • Angebote verbergen eine sogenannte Lohnoptimierung
  • Sozialkassen geht viel Geld verloren

Stellen Sie sich vor, Ihr Arbeitgeber bietet Ihnen ein top Handymodel inklusive Vertrag an und sagt, das kostet Sie nichts. Super Angebot, oder? Das haben sich auch 40 Mitarbeiter eines Dortmunder Bäckers gedacht und zugegriffen.

Ein Premium Handy kostenlos? Wie geht das denn? Die Lokalzeit aus Dortmund ist diesen Fragen nachgegangen. In dem Angebotsschreiben des Dortmunder Bäckers Beckmann an seine Angestellten ist von Arbeitgeberpauschalen zu lesen. Und dass der Bäcker sich einen Teil seiner Lohnnebenkosten spart. Also Zahlungen in die Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherungen – in das Sozialsystem.

Gewerkschaft kritisiert „Lockangebot

Manfred Sträter von der Gewerkschaft Nahrung Gaststätten Genuß

Manfred Sträter von der Gewerkschaft NGG

Genau das kritisiert die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Gewerkschaftssekretär Manfred Sträter erklärt, dass den Mitarbeitern des Bäckers für den Handyvertrag 108 Euro monatlich vom Bruttolohn abgezogen werden. Dadurch entgingen dann den Sozialkassen gut 40 Euro: Also 20 Euro, die der Arbeitgeber weniger in die Sozialkassen zahlen muss und der gleiche Betrag nochmal vom Arbeitnehmer.

Wie der Trick funktioniert

Das ist erst einmal legal und nennt sich Bruttolohnumwandlung. In diesem Fall funktioniert das so: 108 Euro Bruttolohn bedeuten für den Bäcker mit Sozialabgaben etwa 130 Euro Lohnkosten insgesamt. Dieses Geld wandelt er jetzt um in:

  • 65 Euro für ein Handy plus Vertrag
  • 44 Euro für eine Guthabenkarte
  • 21 Euro dafür, dass seine Angestellten sich Werbung auf ihre Autos kleben

So umgewandelt, ist dann alles steuer- und abgabenfrei. Bäcker Andreas Beckmann erklärt gegenüber dem WDR, dass er seinen Mitarbeitern nur etwas Gutes tun wolle. Fast alle seien mit dem neuen Vertrag und ihren Handys zufrieden. Beckmann sagt auch zunächst ein Fernsehinterview mit dem WDR zu, zieht das aber kurz vor dem geplanten Termin wieder zurück. Eigentlich wolle er gar nicht in dieser Geschichte auftauchen, er habe sich nichts vorzuwerfen, alles sei legal und geprüft.

Modell sei Tarifbruch

Hand hält Handy und tippt eine SMS

Die Gewerkschaft hingegen wirft dem Bäcker Tarifbruch vor. Auch das Geschäftsmodel des Unternehmens, das dem Bäcker die sogenannte Lohnoptimierung angeboten hat, sieht Manfred Sträter kritisch und fordert, dass die Firmen, die sowas anbieten, vom Staat strenger überprüft werden sollten: „Die machen das ja nicht unbedingt, um Arbeitnehmer glücklich zu machen, sondern haben ja durchaus ein eigenwirtschaftliches Interesse daran und da denken wir, dass sowohl unser Staat wegen der steuerlichen Auswirkung, als auch unsere Sozialversicherung das überprüfen sollten.“

Lohnoptimierung ist wachsendes Geschäft

Der Anbieter, der diese Lohnoptimierung für die 40 Bäcker-Beckmann-Mitarbeiter durchgeführt hat, heißt Future Call. Mark Pietsch, Geschäftsführer des Unternehmens, erklärt, dass er steuerfreie Pauschalen für seine Lohnumwandlung nutzt. Dadurch hätten die Angestellten ein paar Euro mehr netto im Monat. Das stimmt tatsächlich, aber wie ist das mit den Auswirkungen auf die Sozialkassen?

Auswirkungen auf das Gemeinwohl sind kein Thema

Geschäftsführer Mark Pietsch von future-call

Geschäftsführer Mark Pietsch von future-call

Das sei nicht sein Thema, sagt Pietsch. Schließlich nutzten andere Anbieter schon lange solche Pauschalen: „Die Pauschalen nutzt ja jeder, der mit betrieblichen Altersvorsorgen zu tun hat. Das sind alle großen Versicherungen, vielleicht sind sie da besser aufgehoben. Wir sind ein junges Startup-Unternehmen und nehmen diese Möglichkeit gerne wahr, wir bewegen uns nicht in einer Grauzone, sondern in einer weißen Zone.“

Und überhaupt, wirke sich eine Lohnumwandlung von etwa 100 Euro monatlich später mit gerade einmal 1,15 Euro weniger Rente pro Jahr für die Bäckereimitarbeiter aus, sagt Pietsch: „Da ist vielen der Spatz in der Hand jetzt lieber, als später die Taube auf dem Dach. Aber, wo Geld verdient wird, gibt es auch schwarze Schafe.“ Auf Nachfrage erläutert Pietsch, dass er solche Fälle zwar nicht kenne, es aber durchaus denkbar sei, dass Unternehmer falsch beraten „und der Unternehmer müsste dann unter Umständen Sozialabgaben nachzahlen, weil es der Fiskus nicht anerkennen würde.“

Steuerexperte hat Zweifel

Reporter Christof Voigt im Gespräch mit Professor Roman Seer

Reporter Christof Voigt im Gespräch mit Professor Roman Seer

Um zu überprüfen, ob Future Call selbst seine Kunden richtig berät, legen wir die Verträge Roman Seer vor. Er ist ist Professor am Lehrstuhl Steuerrecht an der Ruhr-Universität in Bochum. Schon nach kurzer Durchsicht bekommt der renommierte Steuerexperte Zweifel an der Lohnoptimierung. Zwar seien die 44 Euro Guthabenkarte und die 65 Euro für den Handyvertrag übliche Posten, aber „diese 21 Euro für eine Werbefläche sind zweifelhaft, weil das ist keine für Arbeitnehmer bezogene Befreiung, die sich der Gesetzgeber ausgedacht hat, sondern das soll eigentlich eine Freigrenze sein, für sonstige Einkünfte. Wenn man also außerhalb seines Arbeitsverhältnisses zum Beispiel gelegentlich einen Gegenstand vermietet.“

Aber hier würde ja der Arbeitgeber seinem Arbeitnehmer eine Werbefläche vermieten: „Ich würde das vorrangig als Arbeitslohn sehen und dafür gibt es diese Befreiung nicht„, sagt Seer. Er ist sich sicher, dass derjenige, der das seinem Arbeitnehmer anbietet, irgendwann mit der Steuerprüfung Probleme bekommen kann. Konfrontiert mit diesen eindeutigen Zweifeln, sagt Future-Call-Geschäftsführer Pietsch, seine Verträge seien einwandfrei.

Doktorarbeit zum Thema?

Professor Seer jedoch sieht dringenden Klärungsbedarf, seitens des Gesetzgebers und der Politik. Die WDR-Recherchen haben ihn auf die Idee gebracht, eine Doktorarbeit zum Thema zu vergeben.

Was mir bei der Vorbereitung unseres Interviews, als ich dazu die Literatur noch mal durchgegangen bin, aufgefallen ist, dass das in der Tat ein gewisser Wildwuchs in den letzten Jahren geworden ist und man müsste die Tatbestände auch mal auf einander abstimmen. Eigentlich Aufgabe sowohl des Finanzministeriums als auch des Arbeits- und Sozialministeriums, das mal richtig zu durchforsten.

Hohe Kosten für den Sozialstaat

Der Verlust für die Sozialkassen durch die Verträge der 40 Bäcker-Mitarbeiter beträgt etwa 19.000 Euro jährlich. Bei vielen tausend Arbeitnehmern in ganz Deutschland, die ähnliche Angebote wahrnehmen, kommt diese Art Lohnoptimierung den Sozialstaat teuer zu stehen.

Stand: 26.09.2017, 14:19